Wie letztes Jahr, damals war ich noch als Gastfahrerin dabei, ist mein Team Bike-Aid zur Tour de l'Ardèche eingeladen worden. Dies ist eine sehr renommierte Frauenrundfahrt in Südfrankreich, welche von vielen Top-Fahrerinnen, wie zum Beispiel Claudia Häusler, und vielen Nationalmannschaften gerne als Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften genutzt wird. Für uns als Amateurteam geht es bei den meist sehr bergigen Etappen eher ums Überleben als darum, eine gute Platzierung zu machen, aber durch das tolle Flair sind solche großen Rundfahrten dennoch ein tolles Erlebnis.
1.Etappe
Hatte uns die Ardèche letztes Jahr eine Woche lang mit Sonnenschein und Temperaturen über 30°C beschenkt, fing es dieses Jahr am Abend vor der ersten Etappe an zu schütten, donnern und blitzen und es sollte erst eine halbe Stunde vor dem Start wieder aufhören – zum Glück wenigstens dann. Wie fast durch ein Wunder konnten wir auch die ersten 100km der Etappe so gut wie trocken zurücklegen! Heute hatten wir 112 relativ flache Kilometer zu bewältigen, für hießige Verhältnisse könnte man schon fast topfeben sagen. Lediglich zwei Anstiege stellten sich uns in den Weg und die ließen sich im Feld gut fahren. Dafür sollte heute der Wind die Etappe schwer machen. Etwa 25km vor dem Ziel wurde vom Cervelo Team richtig Druck gemacht, und auf der Windkante zerfiel das Feld in lauter kleine Grüppchen. Wegen eines Motorradpolizisten tat sich vor mir einmal ein Loch auf welches ich nicht mehr schließen konnte, und deshalb verlor ich den Anschluss an die zweite große Gruppe. Ich fuhr dann in einer 8-Frau-Gruppe und wir machten recht gut zusammen Tempo. Dennoch kamen wir zunächst dem Feld nicht näher. 13Km vor dem Ziel sahen wir dann plötzlich wieder Autos vor uns und mit vereinten Kräften schafften wir es zurück ins Feld. Auf den letzten 5km wurde es nochmals richtig schnell, dann eine scharfe Rechtskurve und noch ein Kilometer geradeaus bis ins Ziel, über eine Brücke bei starkem Gegenwind, und die erste Etappe war geschafft. 39. Platz von 91 Startern! Einen 40er Schnitt hatten wir hingelegt, nicht schlecht!
2.Etappe
Heute standen uns zwei Halbetappen bevor: morgens ein Zeitfahren und nachmittags eine Bergetappe. Das Zeitfahren war ein 3,5km langer Rundkurs: zunächst knapp 1km bei 7-9% Steigung bergauf, dann 2km Abfahrt, nach einer scharfen Linkskurve 500m über 5 Speedbumps flach ins Ziel. Die Abfahrt wurde durch Sand und Wasser auf der Straße noch erschwert, da es ja die letzten beiden Nächte ziemlich gewittert hatte – zum Glück durften wir heute morgen wieder die Sonne lachen sehen!
Ich konnte bei meinem Rennen den Berg recht gleichmäßig fahren, in der Abfahrt hab ich mich dann nicht getraut voll reinzutreten um keinen Sturz zu riskieren. Die letzten 500m waren die schlimmsten, da hatte ich das Gefühl gar nicht vorwärts zu kommen.
Mit meinem Ergebnis war ich dann sehr zufrieden, Platz 37 von 90 ist für mich bei einem Zeitfahren ein schon fast sensationelles Resultat. 39 Sekunden Rückstand auf die Siegerin hatte ich, doch bis Platz 20 fehlten mir nur etwa 10 Sekunden.
3.Etappe
Nach dem Zeitfahren war Regeneration angesagt, Mittagessen und dann Beine hochlegen.
Kurz vor dem Start erfuhren wir dann, dass wir die ersten 10km neutralisiert über eine andere Strecke, inklusive einem Zusatzberg, geschickt würden, da die eigentliche Strecke verschüttete war. Ich war dann froh als die hektische Neutralisationsphase vorbei war (auch auf dieser Straße lagen überall Kies und Steine und riesige Pfützen). Danach ging dann allerdings gleich die Post ab, es gab auf den nächsten Kilometern eine Sprint-, zwei Berg- und eine gut dotierte Prämienwertung. Das Feld zog sich sehr lang und dabei entstanden unweigerlich Löcher. Ich war zwar irgendwo in der Mitte aber auch das war zu weit hinten und so hatte ich erst mal Rückstand auf die erste Gruppe.
Nach einer recht haarigen Abfahrt, der zweiten Bergwertung und noch einer Abfahrt kamen wir auf dem folgenden Flachstück wieder ans Hauptfeld heran. Nach der zweiten Sprintwertung begann dann auch schon der dritte Anstieg, diesmal einer der 1. Kategorie. Der eigentliche Anstieg war gut 10km lang und wurde langsam immer steiler. Als der Wald anfing wurde vorne aufs Tempo gedrückt und wieder riss das Feld in kleine Gruppen. Ich war mit meiner Teamkollegin Kathrin in der dritten Gruppe, die für mich ein recht gutes Tempo anschlug. Auch wenn es nur die dritte Gruppe war, dennoch war es ein gutes Gefühl diese über den 795m hohen Col anzuführen. Wir konnten die zweite Gruppe vor uns sehen und jagten ihr auch dementsprechend in der Abfahrt hinterher. Bei einem kurzen Gegenanstieg schafften wir es, den Anschluss wiederherzustellen und gingen dann mit ca 35 Fahrerinnen in die letzten 10km Abfahrt auf einer breiten Straße.
Die letzten 5km wurde es nochmals richtig hektisch in der Gruppe, als ginge es noch um den Sieg und nicht um Platz 18. Ich hielt mich etwas zurück und wurde 34. der Etappe, auch wieder ein zufriedenstellendes Ergebnis für mich. Wir hatten lediglich 3 Minuten Rückstand auf die Spitzengruppe. In der Gesamtwertung bin ich nun auf Platz 37 geführt, Kathrin ist 31. Das Spitzenreitertrikot trägt Vicki Whitelaw (Lotto).
4.Etappe
Vor der heutigen Etappe hatte ich kein gutes Gefühl, da mir vor dem Start so übel war, dass ich nach dem Frühstück gar nichts mehr essen konnte. Wir fuhren im Prinzip die gleiche Strecke wie letztes Jahr bei dieser Etappe: zunächst standen uns knapp 30km nur bergauf bevor. Die ersten 15km hatte ich keine Probleme, da das Tempo noch nicht so hoch war und ich mich im Feld recht gut vorne halten konnte. Als die Steigung langsam anzog, machten auch die Favoritinnen ernst und sofort zerfiel das Feld in Gruppen. Ich befand mich in der dritten Gruppe, die gerade ein Tempo anschlug das ich halten konnte. Die lange Abfahrt war dann wenig entspannend, da meine Mitfahrerinnen richtig Gas gaben, weil man die Gruppe vor uns noch sehen konnte. Wir kamen trotzdem nicht mehr ran. Es folgen lange wellige Kilometer mit zwei weiteren Bergwertungen. Nach einer weiteren langen Abfahrt ging es nochmal hinauf zur vierten und letzten Bergwertung. 25Km vor dem Ziel bekam ich von unserem sportlichen Leiter Matthias eine Flasche Cola, die mir neues Leben eingehaucht hat... Die letzten 5km mussten wir mir sehr starkem Gegenwind kämpfen doch irgendwie schafften wir das auch. Ich wurde im Sprint noch 2. in unserer Gruppe was insgesamt den 34. Platz in der Etappe bedeutete, wieder ein gutes Ergebnis für mich.
In der Gesamtwertung bin ich „abgerutscht“ auf den 38. Platz mit nun etwa 16min Rückstand auf die Führende Vicki Whitelaw. Meine Teamkolleginnen hatten heute leider viel Pech mit zwei Platten. Die Etappe heute war durch ihr Länge (133km) und ihr Profil (über 2000 Höhenmeter) sehr schwer.
5.Etappe
Heute war es den ersten Tag für dieses Jahr mal richtig warm! Nach einer Neutralisationsunde durch den Ort ging es direkt 10km hinauf zur ersten Bergwertung. Es fuhren ein paar Fahrerinnen weg, deshalb wurde im Feld eher gemäßigt gefahren und wir kamen recht geschlossen oben an. Auch das wellige Stück danach mit viel Gegenwind hatte mir zuvor umsonst Sorgen bereitet.
Es passierte erst nach 30km an der zweiten Bergwertung wieder etwas. Dort ging es etwa 3km mit vielen steilen Kurven und viel Gegenwind hinauf. Ich konnte mich gut zu Beginn der zweiten Gruppe halten. Oben waren wir eine größere Gruppe von ca. 30 Fahrerinnen und es wurde speziell von den Norwegerinnen und den Belgierinnen sehr viel Tempo gemacht, sodass wir nach einer langen Abfahrt (auf endlich einmal guter Straße!) und einem sehr windigen Flachstück die Spitzengruppe noch vor der dritten Bergwertung einholten. Diese hatte es in sich, zwar nur gut 2km aber dafür ging es stetig mit 10-13% berghoch. Davor hatte ich mir doch Sorgen gemacht aber ich kam mit dem Anstieg ziemlich gut zurecht und konnte immer mehr Fahrerinnen überholen, sodass ich am Ende fast noch den Anschluss zur Spitzengruppe herstellen konnte und als erste der Verfolgerinnen über den Berg fuhr. Leider kam ich in der Abfahrt nicht mehr vorne heran. Anschließend arbeitete ich mit ein paar weiteren Fahrerinnen gut zusammen, um nach vorne zu fahren, doch obwohl wir die Spitze ständig im Blick hatten kamen wir nicht mehr hin. Mit meinen beiden Teamkolleginnen Desiree und Kathrin war ich nun in einer großen Gruppe. Das war auch gut so, denn die restlichen 40km führten fast nur noch leicht bergauf, und das bei Gegenwind. Mit drei weiteren Fahrerinnen wagte ich 20km vor dem Ziel sogar eine Attacke, doch wir wurden bald wieder eingeholt. Etwa 10km vor dem Ziel sahen wir plötzlich wieder Autos und fuhren auf die Spitzengruppe auf. Somit waren die Karten wieder neu gemischt! Die letzten 5km waren ein großes Positionsgerangel, ich kam zwar nicht ganz nach vorne aber es reichte zu einem 20. Platz, super für mich!
In der Gesamtwertung bin ich auf Platz 31 vorgerutscht. Nun heißt es morgen nochmal auf die Zähne zu beißen und auch die letzte Etappe gut zu beenden.
6.Etappe
Auch heute standen einem die Schweißperlen bereits am Start wieder auf der Stirn – zum einen wegen der gleißenden Sonne und zum anderen der Angstschweiß vor den drei bevorstehenden Bergwertungen, an denen noch ein heißer Kampf um den Gesamtsieg zu erwarten war. Wir mussten den gleichen, unregelmäßig zu fahrenden Berg, den wir gestern bereits als erste Bergwertung überwinden zu hatten, drei mal bezwingen. Das Rennen ging sehr schnell los, da schon nach 4km die erste Sprintwertung abgenommen wurde, danach ging es gleich 10km mit Vollgas weiter zur ersten Bergwertung. Ich fühlte mich nicht so fit, aber am Berg kam ich besser mit als ich gedacht hätte. Ich war vorne in der zweiten Gruppe dabei, doch wir holten die erste Gruppe in der Abfahrt gleich wieder ein. Auf dem folgenden welligen Stück, wo es immer wieder die Gefahr durch Windkanten gab, musste ich sehr kämpfen und ich befürchtete schon, die Etappe im Grupetto zu beenden. Am Berg ging es mir dann aber besser und ich fühlte mich in der Etappe immer besser. Nach der zweiten und dritten Bergwertung das gleiche Spiel, in der Abfahrt holten wir die erste Gruppe wieder ein. Nur Carla Ryan (Cervelo), die in der ersten Runde alleine auf und davon gefahren war, wurde nicht mehr eingeholt und so ging es im Feld um Platz 2 der Etappe. Leider kann ich mich beim Zieleinlauf noch nicht so gut durchsetzen und so wurde ich 25. der Etappe, und konnte mich noch auf den 28. Gesamtrang verbessern mit gut 16min Rückstand. Das ist ein Ergebnis mit dem ich nicht gerechnet hatte, war ich letztes Jahr bei derselben Rundfahrt noch 64. mit 1:24 Stunden Rückstand – eine meilenweite Verbesserung, auch wenn man die Besetzung der Rundfahrten vielleicht nicht vergleichen kann.
Es war ein schönes Erlebnis zum Ende der Saison, vor allem nachdem ich mir anfangs des Jahres so schwer getan hatte.
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