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2010-09-16 Eine Rundfahrt die ist... Drucken E-Mail
Donnerstag, den 16. September 2010 um 11:25 Uhr

Eine Rundfahrt die ist lustig, eine Rundfahrt die ist ....

... schön. So werden wohl viele denken wenn Sie als Betreuer eines Frauenteams zu einer 6 Etappen Rundfahrt im SĂŒden Frankreichs eingeladen sind.

Vorbereitungen im Regen - das macht SpaßSo dachte auch ich als wir Samstagabend als erste auf einem Campingplatz in der NĂ€he von Ruoms im Departement Ardeche eintrafen. Schönstes Wetter, und eine herrliche Landschaft. So kann es die nĂ€chsten Tage bleiben. Außer mir und Elena weit und breit noch nichts von Radfahrern und anderen Teams zu sehen, entsprechend ruhig genießen wir das Abendessen auf der Terrasse unseres "mobil homes".

 


Montag frĂŒh das gleich Bild, strahlender Sonnenschein und bestes Radwetter. Wir rollen noch eine kleine Runde und verfahren uns prompt so dass es am Ende doch 70km sind. Mittlerweile treffen auch die anderen Teams ein. Neben uns bezieht die Nationalmannschaft Frankreichs ihr Quartier. Auf der anderen Seite die Nationalmannschaften von Australien und der Schweiz. Nach und nach treffen auch die anderen 5 MĂ€dels des Team BIKE-AID und Teamleiter Matthias ein. Nun heißt es RĂ€der vom Auto, aber wohin damit? Wir beschließen ein Zimmer unserer HĂŒtte als Radkeller umzufunktionieren. Betten hochkant stellen und dann die RĂ€der in die kleine Kammer quetschen. Neidvoll denke ich an unsere Nachbarn aus Frankreich. 2 PKWs, ein Werkstattwagen mit Waschmaschine, und 2 Kleinbusse, eine ungerechte Welt denn bei den anderen Teams sieht es nicht viel schlechter aus. Mit unseren 3 PKWs sind wir MaterialmĂ€ĂŸig eher die Underdogs. Ich versuche mit dem Mechaniker der Franzosen in ein GesprĂ€ch zu kommen, leider scheitert dies an meinen schlechten Französischkenntnissen und er spricht weder Englisch noch Deutsch. Auf jeden Fall können wir bei ihm unsere RĂ€der pumpen, mit einem im Werkstattwagen eingebauten Kompressor!

Wetten dass ich alle an Ihrem Hinterteil erkenne :-)Noch wÀhrend ich alle 7 ZeitfahrrÀder und 8 RennrÀder der Franzosen begutachte höre ich ihn schimpfen, und habe auch gleich den Grund ausgemacht. Eine Fahrerin hat Ihr Rad ohne Pedale und Kette gebracht. und wollte noch damit fahren.

Uns ist es egal, und wÀhrend der "Directeur Sportif" auf der Mannschaftleitersitzung ist fahre ich mit den MÀdels eine kleine Runde.

So vergeht der Montag dann recht schnell und nach dem Abendessen gibt Teamleiter Matthias die Anweisungen fĂŒr die erste Etappe der Rundfahrt. Die Verpflegungsstellen werden besprochen, wir einigen uns auf km 60 welcher an der 2.ten Bergwertung sein soll. Das Verhalten bei einer Panne, und die Verpflegung aus dem Auto wird angesprochen ansonsten beschließen wir rechtzeitig ins Bett zu gehen um frisch in den ersten Renntag zu starten.

Leider hat sich die Wettervorhersage bestĂ€tigt und in das angekĂŒndigte Unwetter bricht mit voller Wucht los. Hoffentlich hört das morgen auf schwirrt es mir durch den Kopf. NatĂŒrlich hört es nicht auf. WĂ€hrend ich 40 Trinkflaschen mit Wasser und Kraftfutter fĂŒlle ĂŒberlege ich wie ich das ganze heute wohl am besten mache. Ich packe die Regenjacke aus und beginne mit Matthias die RĂ€der zusammenzubauen. Mangels Werkstattwagen (Neidvoller Blick zu den Franzosen) bauen wir im Regen die RĂ€der auf der Terrasse zusammen um sie anschließend auf 2 AutodĂ€cher zu verteilen. Lackierte FingernĂ€gel - gaaaanz wichtigErsatzlaufrĂ€der und Werkzeug kommen zusammen mit den Flaschen in den Kofferraum welcher nun fast schon gefĂŒllt ist. AllmĂ€hlich machen sich unsere Fahrerinnen fertig und kommen mit Ihrem GepĂ€ck angetrudelt. Als einige Ihre Taschen in die Autos quetschen wird mir bewusst ich hatte ja fast vergessen es ist ein Frauenteam - Da sind die Taschen schon etwas mehr gefĂŒllt -. Aber es passt alles rein, sogar die MĂ€dels haben noch Platz und wir fahren eineinhalb Stunden zum Start der ersten Etappe. Raus aus dem Auto, rein in den Regen, RĂ€der vom Dach kurzer Funktionstest und ganz schnell in die nahe Turnhalle da ist es zumindest trocken. 30 Minuten vor dem Start geht’s zur Einschreibung, ich mache schnell 2 Fotos und dann nichts wie weg zur Verpflegung ehe die Strecke gesperrt wird.

Brav fahre ich den Rosafarbenen Schildern nach und schaue auf den Tacho. 60km bin ich gefahren, aber wo ist der Berg, wo ist die Bergwertung, wo stell ich mich hin? Zum GlĂŒck bin ich mit meiner Unkenntnis nicht alleine, Rabobank, Rapha und einige weitere Teams sind genau so verwirrt. Wir machen eine kurze Lagebesprechung und ernennen den kleinen Buckel zum Berg. Flaschen aus dem Auto und an gut sichtbarer Stelle positionieren. Laut Roadmap sollen in 12 Minuten die Fahrerinnen kommen. Die ersten MotorrĂ€der tauchen mit TatĂŒTata auf und so langsam steigt die NervositĂ€t. Hoffentlich kommen sie nicht alle in einem Pulk, hoffentlich kommen alle auf der richtigen Seite und hoffentlich bekommen alle ihre Verpflegung. Ich bin noch nicht richtig mit dem Überlegen fertig habe ich auch schon alle Flaschen an die Frau gebracht und das Feld ist schon wieder weg. Eine kurze Info an den sportlichen Leiter im Auto, es gibt ja kein Funk, und ich renne zum Auto um möglichst nahe bei dem Feld zu sein.

Als ich endlich hinter den Fahrzeugen bin wird es endlich etwas ruhiger in mir, aber wohl nur in mir, denn beim Blick auf den Tacho sehe ich die Nadel verdĂ€chtig nah an der 60km Marke, ich sehe auch dass das Feld komplett in die LĂ€nge gezogen ist. Jetzt wird aussortiert denke ich mir, leider ist auch Tina, eine unserer Fahrerinnen, mit 10 weiteren unter den aussortierten. Ich setze mich hinter die Gruppe, studiere die einzelnen Fahrstile, und begleite die Gruppe bis zum Ziel. 5km vor dem Ziel sehe ich Matthias am Straßenrand am Rad einer Fahrerin rumwerkeln. Desiree hatte einen Speichenriss, und das an guter Position liegend. Das Rad wird gewechselt und ich setze mich mit dem Auto vor Desiree und biete Ihr Windschatten bis Matthias wieder kommt.

Nach dem Zieleinlauf beginnt das ĂŒbliche Spektakel. Nachsehen ob wer zur Dopingkontrolle muss. RĂ€der demontieren und verstauen. Nachdem die RĂ€der wieder auf den DĂ€chern geparkt und die MĂ€dels im Auto sind geht es zum Essen. Zumindest darum mĂŒssen wir uns nicht kĂŒmmern, das besorgt der Veranstalter. Es gibt Nudeln und Salat. Das sollte die ganze Woche so weitergehen. Nudeln, Salat und irgendeine Beilage. Nach 1,5 Stunden Fahrt sind wir wieder im Camp. Dort angekommen, RĂ€der vom Dach - Es regnet immer noch - die versifften Karren kurz im Regen abgewischt (Neidvoller Blick zu dem im Werkstattwagen arbeitenden französchen Nachbarn) ab in unseren "Radkeller" und Trinkflaschen auswaschen. Matthias hat derzeit sich um die WĂ€sche der Trikots gekĂŒmmert. Gottseidank gibt es Waschmaschinen im Camp. Wir besprechen kurz die zweite und dritte Etappe welche am nĂ€chsten Tag gefahren werden und legen uns auf Ohr. Das Unwetter geht weiter und Blitz und Donner werfen mich einige Mal aus dem Schlaf in dieser Nacht.

Am anderen Morgen erfahren wir dass es einen Stromausfall gab und die Waschmaschinen ausfielen. Die WĂ€sche ist weder sauber noch trocken, das kann ja heiter werden denn heute stehen ein Zeitfahren und weiteres 100km Straßenrennen an.

Nun beginnt die ĂŒbliche Prozedur Flaschen fĂŒllen, RĂ€der auf das Auto, Klamotten in das Auto, Fahrerinnen in das Auto und los geht’s zum Start. Erneut 1,5 Stunden Fahrt.

Wer hat den coolsten Blick?Zeitfahren und Straßenrennen das bedeutet in der Regel Stress pur.

WĂ€hrend ich die Rollen aufbaue, die RĂ€der zum Warmfahren einbaue und Flaschen an die RĂ€der mache gibt es die taktischen Anweisungen vom Teamleiter. Die MĂ€dels fahren die Runde ab und ich gönne mir einen Kaffee, oder waren es zwei? Die folgenden 2 Stunden verlaufen relativ entspannt. Zumindest bei mir. Die Frauen gehen auf Ihre Runde und kommen mehr oder weniger fertig im Ziel an. 4 Stunden sind nun Pause ehe es um 15:00 zum Start der dritten Etappe geht. Zu GlĂŒck hat endlich der Regen aufgehört, wir haben es uns auf einem Marktplatz gemĂŒtlich gemacht und breiten uns wie einige andere Teams aus. Überall sieht man schlafende Frauen auf Decken in StĂŒhlen oder BĂ€nken liegen. Alle entspannen sich. Zirka 1 Stunde vor dem Start bricht dann wieder Hektik an. Alle wollen auf Ihre RĂ€der, lassen alles stehen und liegen und verschwinden zum Einschreiben, auf die Toilette oder fahren umher um sich etwas zu lockern. Matthias und ich stehen vor einem Chaos. Überall liegt irgendetwas. Wir stopfen alles in die Autos und ich denke mir, da soll noch mal jemand sagen MĂ€nner seien unordentlich. Nun folgt das ĂŒbliche Szenario. Ich schwinge mich ins Auto fahre zur Verpflegungsstelle, halte ein SchwĂ€tzchen mit anderen Teambetreuern und warte auf unsere MĂ€dels. Nachdem heute wie an den anderen Tagen auch Berge angesagt sind ist zu befĂŒrchten dass das Feld wohl eher in Gruppen ankommt. So ist es dann auch. Problemlos werde ich meine Flaschen los und hefte mich wieder an das Ende des Gruppettos in welches heute aus fast 25 Fahrerinnen besteht. Leider sind auch von uns welche dabei. Tina welche bereits am ersten Tag ĂŒber Unwohlsein klagte steigt heute aus.

Abends wasche ich die RĂ€der auf der Terrasse (neidvoller Blick zum Nachbarn) Matthias verkĂŒndet dass die Trikots nicht trocken wurden, aber es bis morgen wohl sein werden und wir gehen wieder frĂŒh ins Bett.

Am anderen Tag fahren wir 2 Stunden auf schmalen nicht enden wollenden Serpentinen zum Startort. Ich denke mir die Fahrt hört nie auf. Kurz vor dem Startort sagt man mir von der RĂŒckbank "Mir ist schlecht, wenn ich dir auf die Schulte klopfe sofort anhalten". Ist ja toll, aber immerhin sie schafft es noch bis zum Start um dann umgehend hinter dem nĂ€chsten Busch zu verschwinden.

Hauptsache wir kommen ins Ziel - egal wieEine Hammerharte Etappe steht an. 135km Berge und zum allerbesten gleich nach dem Start geht es 30km Bergauf. Nachdem ich meine Flaschen losgeworden bin, fahre ich mit Tina zur zweiten Verpflegung. Dort angekommen heißt es warten ehe die ersten Gruppen kommen. Heute hat es das Feld an den Bergen komplett zerlegt. In mehr oder weniger kurzen AbstĂ€nden trudeln Gruppen von Fahrerinnen an der zweiten Bergwertung ein. Elena ist in der vorderen Gruppe. Aber wo ist Kathrin, sie war doch bei der ersten Verpflegung noch in dieser Gruppe. Auch in der nĂ€chsten Gruppe ist sie nicht, "Keine Ahnung" ruft mir jemand zu als ich frage, aber dann sehe ich sie schon kommen. DEFEKT!!! ruft sie mir im vorbeifahren zu. Nun warte ich noch auf unsere letzte Fahrerin, sie kommt ganz am Ende im Grupetto. Am Abend erfahre ich, es hat Ihr den Mantel zerrissen und das hinter Ihr fahrende Begleitfahrzeug aus Tschechien hatte schon beide ErsatzrĂ€der an andere Teams ausgeliehen. Der tschechische Betreuer hat Ihr also den Mantel wĂ€hrend dem Rennen gewechselt.

Nachdem Steffi vorbei ist hĂ€nge ich mich an das Grupetto. Die Etappe heute hatte es wohl in sich, stĂ€ndig sehe ich verzweifelte Blicke von Fahrerinnen. Sie wollen sich am Auto anhĂ€ngen. Als ich sehe dass die BegleitmotorrĂ€der nun so langsam weiter Frauen anhĂ€ngen, lass ich die Scheiben runter und sofort hĂ€ngen an jeder Seite 2 Frauen und ruhen sich fĂŒr ein paar Sekunden aus. Teilweise hĂ€ngen an den Motos 2 Frauen an deren Schultern wiederum weitere Fahrerinnen sich ein kleines PĂ€uschen gönnen. Nachdem diese Frauen wohl kaum einen Einfluss auf die Gesamtwertung mehr haben versuchen wir zumindest dafĂŒr zu sorgen dass sie nicht aus dem Zeitlimit fallen.

Der Abend ist wie immer, einige klagen ĂŒber Probleme mit dem Rad, die Schaltung klemmt, hakt oder man hat andere Probleme. Ich beschließe dies auf den anderen Tag zu verschieben, heute habe ich keinen Bock darauf im Halbdunkel an RĂ€dern zu schrauben sage ich mir und werfe einen Blick zum Franzosen welcher im Werkstattbus bei Flutlicht arbeitet. Immerhin hat eine unserer Fahrerinnen auch den Mechaniker angezwinkert. Jedenfalls können wir die Waschmaschine der Franzosen benutzen.

Mit dem Gedanken -Noch 2 Tage- gehe ich ins Bett.

Ein paar Bilder und dann schnell weg zur VerpflegungszoneAm vorletzten Tag, wir haben diesmal nur 1 Stunde Anfahrt, geht es durch die Ardeche, laut Profil keine schwere, aber die letzten 30km stĂ€ndig ansteigende Etappe. Ich positioniere mich mit Tina an der Strecke um ein paar Fotos zu machen, dann kĂŒrzen wir ab und erreichen kurz bevor die Fahrer ankommen den Verpflegungspunkt. Ein wunderbarer Platz mit einem Feigenbaum welcher von Tina und mir sofort geplĂŒndert wird. Dann wieder ab ins Auto und hinter das Grupetto. Mittlerweile erkenne ich die Grupettofahrerinnen schon aus 200m Entfernung am Hinterteil. Brutal wird’s bei Km 80 eine Rampe mit 2km hochprozentigem baut sich auf. StĂ€ndig werden Flaschen am Auto geholt, klar dann kann man sich 10 Sekunden ausruhen. Auch Fahrerinnen andere Teams haben plötzlich enormen Durst und holen Trinkflaschen. Mittlerweile kenne ich diese schon. Aber unser Team geht vor denke ich und lass die anderen dĂŒrsten.

Erneut bricht circa 20km vor dem Ziel bei einer Fahrerin Panik aus. Steffi hat eine Panne und beginnt wild herumzufuchteln. Ich springe aus dem Auto und beseitige den Schaden. Ich höre nur noch ein verzweifeltes "fahr mich wieder ran" und schon sitze ich im Auto und Steffi schließt das 200m Loch. Ansonsten sollte es ein guter Tag fĂŒr BIKE-AID werden, Elena fĂ€hrt Top twenty und auch die anderen sind gut mit dabei.

Am Samstag dann zum letzten Mal die ĂŒbliche Prozedur. RĂ€der aufladen, einen neidvollen Blick zu den Franzosen werfen, und ab zum Start fahren. RĂ€der abladen Flaschen verteilen und los zur Verpflegung. Heute wird 3-mal der gleiche Anstieg gefahren, so habe ich endlich mal Zeit mir etwas vom Rennen anzusehen. BIKE-AID ist wieder gut dabei. 2 Fahrerinnen in der Spitzengruppe, das sollte doch mal wieder eine gute Platzierung werden. Im Ziel erfahre ich dann, Kathrin und Elena waren in der Spitzengruppe. Nur Daniela kommt im Grupetto mit gebrochener Speiche am Hinterrad.

Die alternative zur Dusche am letzten TagIch blicke in erschöpfte aber zufriedene Gesichter. Als Ersatz fĂŒr die Dusche nutzen einige Fahrerinnen ein erfrischendes Bad in der Ardeche. Auch unsere 6 MĂ€dels springen in das kĂŒhle Nass und freuen sich dass alles Sturzfrei ĂŒber die BĂŒhne ging. Abends gehen wir noch gemeinsam zum essen und dann ist die "Tour cycliste feminin international Ardeche" auch schon vorbei. Noch 12 Stunden Autofahrt und wir werden wieder zu Hause sein.

 

Eine Rundfahrt die ist lustig eine Rundfahrt die ist .... "ganz schön anstrengend" auch wenn man nicht Rad fÀhrt.

Spaß gemacht hat es allemal.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 24. MĂ€rz 2011 um 19:06 Uhr